Nürtinger Liste/Grüne

Protest gegen Boden-Versiegelung

Gründungsversammlung der Schutzgemeinschaft Großer Forst plant weitere Aktionen

NÜRTINGEN. Auf großes Interesse stieß am Donnerstagabend eine Veranstaltung der Schutzgemeinschaft Großer Forst. Mehr als 30 Nürtinger waren der Einladung der Nürtinger Liste/Grüne in den Saal der Raidwänger Gaststätte Berg gefolgt, um in einem Gespräch über mögliche Schritte zu beraten, die Versiegelung des letzten zusammenhängenden Ackerbaugebietes der Stadt zu verhindern. Diese 70 Hektar besten Ackergrundes auf der Höhe zwischen Enzenhardt, Raidwangen und Neckarhausen stünden, so der Initiator der Schutzgemeinschaft Dieter Braunmüller, vor einer entscheidenden Dezimierung, wenn die Pläne der städtischen Verwaltung, dort ein neues Industriegelände zu etablieren, Wirklichkeit würden.

HEINZ BöHLER

Mit dem Argument, einem Investor (die Gerüchte flüstern von einem international tätigen Konzern) Platz zur Schaffung von 400 Arbeitsplätzen zur Verfügung stellen zu wollen, habe Oberbürgermeister Otmar Heirich die großen Fraktionen des Gemeinderates wie auf Knopfdruck gewonnen. Davon seien allerdings bei genauerem Hinsehen gerade mal 200 Arbeitsplätze übrig geblieben, die in Nürtingen tatsächlich neu besetzt hätten werden sollen.

Keine Arbeitsplätze auf Kosten der Natur

Was ihn, Braunmüller, zusätzlich stutzig gemacht habe, sei die in dem vorliegenden Bebauungsplanentwurf vorgesehene mögliche Bauhöhe von 21 Metern. Abgesehen von der Frage, was für ein Gewerbezweig eine solche Höhe benötige, müsse man sich einen solchen Betonklotz mitten in der idyllischen Voralb-Landschaft vorstellen: Klar brauchen wir Arbeitsplätze, meinte der Fraktionsvorsitzende der Nürtinger Liste/Grüne im Gemeinderat, aber nicht auf Kosten der Landwirte und des Naturschutzes.

Auch was die reine Fläche betrifft, habe der OB von einem Investor gesprochen, der eine Fläche von 10 bis 15 Hektar nachfrage, was für einen normalen Betrieb ungewöhnlich viel sei. So ein Großbetrieb passt doch gar nicht nach Nürtingen, protestierte ein Zuhörer spontan und schlug vor, der Oberbürgermeister solle lieber sehen, dass er vier oder fünf Kleinbetriebe in der Bachhalde unterbringe.

Überhaupt schienen die rund 35 Besucher an diesem Abend nicht allzu gut auf das Nürtinger Stadtoberhaupt zu sprechen zu sein. So oiner ghert doch zom Deifel gjagt, ereiferte sich ein Besucher, als er erfuhr, dass der Oberbürgermeister sogar dem Gemeinderat gegenüber den Namen des unbekannten Investors verheimliche.

Über 300 Unterschriften wurden gesammelt

Wählen wolle man Otmar Heirich auf alle Fälle nicht mehr, waren sich die überwiegend in Landwirtschaft und Naturschutz engagierten Bürger weitgehend einig. Solche Statements hätten, wussten Dieter Braunmüller, Peter Rauscher und Hildegard Biermann-Mansfeld zu berichten, viele der Bürger abgegeben, die sich geradezu gedrängt hatten, an ihrem am Samstag auf dem Schillerplatz betriebenen Info-Stand einen Protest gegen die Umwandlung guten Ackerbodens in ein Industriegebiet zu unterschreiben. Leicht dürfte es für die Verwaltung angesichts des in den bisher schon mehr als dreihundert Unterschriften manifestierten Protestpotenzials nicht werden, ihre Ziele am Großen Forst durchzusetzen.

Allerdings weiß auch Stadtrat Peter Rauscher, der am Donnerstagabend in Raidwangen die Diskussionsleitung übernommen hatte, wie solche Dinge mit juristischen Tricks auch gegen den Willen der Bürger durchgezogen werden: Vor vollendete Tatsachen gestellt stimmen die großen Fraktionen der CDU, SPD und Freien Wähler zu. Das läuft in Nürtingen halt so.

Dass man seitens der betroffenen Landwirte, deren Existenz von den meist in Pacht bearbeiteten Äckern im Großen Forst zumindest teilweise abhängt, ebenso wenig bereit ist, die Flinte ins Korn zu werfen wie die dem Natur- und Landschaftsschutz verbundenen Bürger, zeigte sich am Donnerstagabend deutlich. Es sei ein Unding, wenn alteingesessene Betriebe, von Familien geleitet, die zum Teil seit vielen hundert Jahren in Nürtingen ansässig sind und die Grundstücke im Großen Forst seit vielen Jahrzehnten landwirtschaftlich nutzen, einem Unbekannten weichen müssten.

Dazu machte ein Besucher noch auf einen anderen Umstand aufmerksam: Danach seien nicht zuletzt infolge der Versiegelung immer größerer Bodenflächen die Getreide- und damit auch die Lebensmittelpreise im letzten Jahr schlagartig in die Höhe geschossen. Zuerst muss der Mensch essen, erst dann kann er arbeiten, stellte er die natürliche Abfolge der Bedürfnisse richtig. Diese Abfolge sei unter dem Einfluss der Wirtschaft in den letzten Jahren ein wenig verrutscht.

Ortsbegehung und Tag der offenen Tür geplant

Da nur noch wenig Zeit bleibe, beschloss man an der laut Dieter Braunmüller eigentlichen Gründungsversammlung der Schutzgemeinschaft Großer Forst schnell Nägel mit Köpfen zu machen. Deshalb ist für den 3. Februar um 14 Uhr eine gemeinsame Ortsbegehung des entsprechenden Gebietes geplant.

Ein Tag der offenen Tür bei den drei hauptsächlich betroffenen Landwirten Single, Schaal und Bauknecht soll alsbald folgen. Neben weiteren Info-Ständen kam auch eine Traktoren-Demonstration zum Vorschlag.

Das nächste Treffen der Schutzgemeinschaft Großer Forst findet am 31. Januar in der Vereinsgaststätte Beutwang in Nürtingen-Neckarhausen statt.